Rede zum Ukraine-Krieg

28. Feb 2022 | Aktuelles

Rede zum Ukraine Krieg

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

das, was Wladimir Putin gemacht hat, ist einfach widerlich, aggressiv und verstößt gegen das Völkerrecht, gegen Artikel 1 Ziffer 2 der UN-Charta.

Ich möchte ihren/euren Blick jetzt einmal anders fokussieren: Wer mich ein wenig kennt, weiß, dass ich nicht lange rede, aber gerne zum Punkt komme.

Ich bin eine Frau, ich bin Kind meiner Eltern, ich bin Partnerin meines Mannes, ich bin Mutter von zwei Söhnen, ich bin Oma eines Enkels.

Diese Aussagen treffen auf viele, ja eigentlich alle hier auf dem Platz versammelten Frauen zu.

Habt ihr/haben Sie sich einmal gefragt, wie das ist, wenn Krieg wäre und jemand sagt, hey, deine Söhne werden jetzt für das Land in den Krieg ziehen. Dein Partner hat sich schon gemeldet und dein Vater kann sicherlich auch noch die eine oder andere Waffe tragen. Habt ihr euch das einmal gedanklich vorgestellt? Es ist schwer, diesen Gedanken zu Ende zu denken, weil er als allerletzte Konsequenz den Tod der geliebten Menschen bedeuten kann.

Ich versuche mich in Ukrainische Frauen hineinzuversetzen, wie das ist: Wenn es der Vater ist, er wird sich sicher nicht abbringen lassen, seine Heimat zu verteidigen. Wenn es der geliebte Mann ist, das ist kaum zum Aushalten.

Wenn es die eigenen Söhne sind … nein, sage ich, nein, dafür habe ich keine Kinder bekommen, dafür habe ich meine Söhne nicht in diese Welt gesetzt!!

Ich habe sie in ihr Leben gern begleitet, versucht, ihnen das Leben hier begreiflich zu machen und sie zu guten Mitgliedern unserer Gesellschaft, unseres Landes zu erziehen. Liebe ist das Zauberwort dafür.

Aber nicht, um sie z. B. für Despoten wie Wladimir Putin aufs Schlachtfeld zu führen.

So oder so ähnlich werden die Frauen denken, die die Ukraine jetzt verlassen, um sich zu schützen.

Als ich in den 80er Jahren mit auf den Friedensdemos unterwegs war, die eine oder andere war sicher auch mit dabei, wenn wir Richtung Bonn gezogen sind.

Da hatte ich bereits meinen ersten Sohn als Baby mit dabei und mir war klar, mein Sohn, später meine Söhne gebe ich nicht her für die unnützen Kriege dieser Welt.

Damals ging es um die Pershing II, die Mittelstreckenraketen, die mir und vielen anderen Angst gemacht haben. Ich habe danach symbolisch für meine Söhne, den Krieg verweigert, die IG Metall hatte dies seinerzeit als symbolischen Akt ins Leben gerufen. Jahrzehnte später haben es meine Söhne tatsächlich selbst gemacht. Ich wollte damals keinen Krieg, ich will ihn auch heute nicht. Nicht für die Ukraine, nicht für Europa, nicht für irgendein Land.

Jetzt frage ich euch alle hier: Könnt ihr, können Sie sich vorstellen, was gerade in diesem Moment in den Köpfen von Ukrainischen Frauen vor sich geht, die diesen Krieg auch nicht wollen, die um ihr Leben fliehen? Frauen, die ihre Männer im Land zurück lassen müssen, wenn sie fliehen wollen? Frauen, deren Eltern zu alt sind, noch Fluchtwege zu bewältigen?

Frauen, deren Söhne jetzt auf einmal der Mobilmachung folgen müssen und in den Krieg ziehen müssen, auch wenn sie das überhaupt nicht wollen? Und bei all diesen Fragen kommt am Ende heraus, dass es vielleicht das letzte Mal war, den geliebten Menschen zu sehen.

Der Präsident der Ukraine, Selenskij, hat keine andere Wahl, als alle wehrfähigen Männer zum Bleiben zu verdammen, um sein Land zu verteidigen. Denn der Aggressor heißt Wladimir Putin., Wohlgemerkt, Putin, nicht das russische Volk, Apropos Volk, St. Petersburg zeigt uns gerade, dass Putin wohl doch nicht der unangefochtene Präsident Russlands ist. Da ist ein Funke Hoffnung. Es gibt Menschen in Russland, die dagegen protestieren und ihre Freiheit riskieren, weil sie danach ggfs. auch festgenommen werden.

Anders als bei uns, ist die Freiheit zu sagen, was man nicht will, in Russland nicht vorhanden.

Ich wünsche den Ukrainischen Frauen, dass sie ihre Männer wiedersehen, dass sie ihre Väter wieder umsorgen können und dass sie ihre Söhne wieder in den Arm nehmen können. Ich wünsche mir, dass wir, Deutschland, die Europäische Union, die Nato und sämtliche Verbündete es schaffen, ohne Waffen wieder an den Verhandlungstisch zu kommen, wenn es auch schwer fällt, mit dem Aggressor Putin umzugehen. Ich denke, wir sind es den Frauen in der Ukraine schuldig.

Ich wünsche mir, dass alle Frauen sagen können: „Meine Söhne kriegst du nicht!“

Erst recht nicht für Putin!